„Alle fangen bei Null an!“ Vor allem der Trainer. Erlebnisbericht eines Betroffenen.

Vorstellung als Trainer

Noch sechs Wochen bis zum ersten Spiel. Training findet nicht statt. Die Mannschaft braucht offenbar keine Saisonvorbereitung. Meine Vorstellung als Trainer erfolgt deshalb über die WhatsApp-Gruppe: „Männer, es hat sich ja schon rumgesprochen, dass ich das Traineramt übernehmen werde. Ich denke, es kennen mich alle. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle auf eine Vorstellung. Ich habe definitiv richtig Bock und freue mich tierisch, dass es bald wieder losgeht.“

Gedanken des Trainers: Wenn ich richtig motiviert bin, werden es die Jungs garantiert auch sein. Wichtig ist die richtige Ansprache. Die habe ich ganz sicher. Wir werden eine großartige Saison spielen.

Lerneffekt: Ein Trainer hat nur sehr begrenzte Motivationsmöglichkeiten. Vor allem in der Vorbereitung. Das Training findet weiterhin nicht statt.

Erstes Training

Drei Tage bis zum ersten Saisonspiel. Eine Handvoll vermeintlicher Sportler trifft sich in der Halle. „Männer, diese Saison wird alles anders. Alle fangen bei null an. Jeder bekommt seine Chance. Hoffen wir, dass wir nicht bei null bleiben. Damit wir erfolgreich sind, erwarte ich von jedem

drei Dinge: 1.: Regelmäßige Teilnahme und vollen Einsatz bei jedem Training und bei

jedem Spiel. 2.: Pünktlichkeit. 3.: Absagen erfolgen nur direkt bei mir.“

Gedanken des Trainers: Im ersten Schritt werde ich ordentlich Disziplin reinbringen. Es muss klare Regeln für alle geben. Wir werden eine überragende Saison spielen.

Der erste Spieltag

Ein Paradies für jeden Trainer. Der Kader ist voll und fast alle sind pünktlich. Insgeheim klopfe ich mir auf die Schulter. Ich habe die richtigen Worte gefunden. Die Truppe ist wahnsinnig motiviert. „Männer, ich will euch gar nicht viel erzählen. Wir spielen heute gegen einen starken Gegner – aber wir sind stärker. Wir werden direkt in der ersten Halbzeit alles klar machen. Wir sind eine geile Mannschaft. Wir hauen die weg!“

Was dann geschieht, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Das Spiel ist bereits nach zwölf Minuten entschieden. Im Stile einer Spitzenmannschaft haben wir den hilflosen Gegner überrannt. Mit der Aura eines Erfolgstrainers verfolge ich die letzten fünf Minuten mit breitem Grinsen vor der Bank. Nach Spieltag eins grüßen wir von der Tabellenspitze.

Gedanken des Trainers: Was man aus dieser Mannschaft noch alles herausholen kann. Nur der Himmel wird die Grenze sein. Wir werden eine legendäre Saison spielen.

Lerneffekt: Trainer zu sein, ist gar nicht so schwierig. Im Prinzip kann das jeder.

Der zweite Spieltag

Eigentlich müsste diese Mannschaft längst zwei Klassen höher spielen. Da muss in der Vergangenheit einiges schiefgelaufen sein. Entscheidend ist, ein Team optimal auf den Gegner vorzubereiten. Folgerichtig steht in der Kabine ein Flipchart mit den wichtigsten Informationen zum Gegner. „Männer, heute gilt es! Wir werden die Tabellenführung verteidigen! Das ist unser Heimspiel. Wir wollen den Sieg mehr als die. Wir sind besser als die! Und vor allem sind wir besser vorbereitet als die!“

Es folgt eine krachende Niederlage.

Gedanken des Trainers: Alle großen Mannschaften haben im Verlauf der Saison mal eine Krise. Auch mit einer Niederlage wird man noch Meister. Wir werden eine fabelhafte Saison spielen.

Lerneffekt: Zu viele Innovationen führen zu Überforderung.

Wie es dem Trainernovizen im weiteren Verlauf der Saison ergangen ist, warum die anfängliche Romantik schnell verflogen ist und wieso ein Kuchen alles ändern kann, lest Ihr in Handballhardcore Kreisklasse – Höhepunkte am Karrieretiefpunkt.

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